Ingo Bömmels leitet seit 2016 das Sachgebiet Elektromagnetische Felder am Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Mehr noch: Er und seine Mitarbeitenden sind an der Erstellung von Regelwerken und Informationsschriften - insbesondere auch für die Zielgruppe der Implantatträger_innen - beteiligt und beraten die Unfallkassen und Berufsgenossenschaften (BG) rund um Fragen der EMF am Arbeitsplatz. In deren Auftrag führen sie Betriebsmessungen und Beratungen durch und bewerten die EMF an Arbeitsplätzen von Beschäftigten mit und ohne Implantat. Den Hauptteil dieser Betriebsmessungen nimmt die Wiedereingliederung von Implantatträger_innen am alten Arbeitsplatz ein – die sogenannte individuelle Beurteilung des Arbeitsplatzes.  

Auf die Frage, ob Berufstätige mit einem ICD oder HSM sicher am Arbeitsplatz arbeiten können, sagt Ingo Bömmels: „Ja, sehr oft geht das! Arbeitsplätze sind zwar unterschiedlich gestaltet und das Spektrum ist groß: Aber um das individuell zu beurteilen, führen wir Betriebsmessungen durch.“ Im Prinzip verlaufen solche individuellen Beurteilungen nach einem einfachen Schema: „Betroffene informieren ihren Arbeitgeber, der seine zuständige Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse anruft und um fachliche Unterstützung bittet. Sollte der Unfallversicherungsträger über keinen eigenen Experten verfügen, werden in der Regel wir mit der individuellen Beurteilung beauftragt. Je nach Ergebnis, werden Maßnahmen zum sicheren Arbeiten für den Implantatträger vorgeschlagen, die sehr oft umgesetzt werden und für alle gut tragbar sind.“

Ob elektromagnetische Felder ein Implantat beeinflussen oder sogar gesundheitliche Beeinträchtigungen bei Implantatträger_innen herbeiführen kann, hängt von verschiedenen Einflussfaktoren ab. Fokussiert man seine Blickrichtung auf das Implantat und die Feldquelle so lassen sich folgende Einflussparametern benennen:

Feldquellen

Einflussfaktoren auf die Funktionsweise der Implantate

Grundsätzlich kann jedes Implantat mit metallischen Komponenten durch EMF beeinflusst werden. Hierfür Bedarf es aber sehr hoher Feldstärken, die in der Regel im Alltag nicht vorkommen. Aktive Implantate wie HSM oder ICD lassen sich aber bereits mit deutlich weniger starken EM-Feldern stören. Neben der direkten Beeinflussung der Elektronik – was in der Regel auch sehr selten ist – können die körpereigenen Signale (Herzschlag) mit Störsignalen, die durch EM-Felder erzeugt werden, überlagert werden. Der HSM oder ICD ist voll funktionsfähig und in Takt, muss aber den Herzschlag aus den beiden Signalen interpretieren und ggfs. eine Therapieform einleiten. Kommt es zu unangemessen Therapieform aufgrund eines EM-Feld, so ist meist die Wahrnehmung der körpereigenen Signale gestört. Diese Form der Beeinflussung kommt gegenüber den beiden vorherigen genannten am häufigsten vor. Die in der Tabelle genannten Einflussfaktoren auf das Implantat sind dabei für eine gestörte Wahrnehmung der körpereigenen Signale am ICD oder HSM von großer Bedeutung.

Die Seite der Feldquellen

Feldquellen sind alle Maschinen, Anlagen oder Geräte, die elektrische, magnetische oder elektromagnetische Felder erzeugen. Doch lange nicht alle Feldquellen sind relevant, wenn es um die Beeinflussung von Implantaten geht. Dabei spielt neben der Feldstärke vor allen Dingen die Frequenz des EM-Feldes eine große Rolle. Insbesondere für die Beeinflussung von aktiven Implantaten sind Feldquellen, die ein hohes magnetisches Feld im Niederfrequenzbereich erzeugen von großem Belang. Im beruflichen Umfeld sind dies Geräte, die wie etwa Schweißgeräte hohe Ströme nutzen und / oder wie etwa Spulen oder Motoren viele Leitungswindungen aufweisen. Wird zudem ein Schweißgerät zum Heften oder Punkten eingesetzt und der Schweißstrom hat eine Taktung die dem Herzschlag ähnlich ist, so besteht ein hohes Potenzial an diesem Gerät, die Wahrnehmung eines Herzsignales zu stören.   

Elektrische und elektromagnetische Felder sind für Implantierte eher weniger bedeutend. Feldquellen die vorwiegend ein offenes elektrisches Feld erzeugen, gibt es im Vergleich zu den Magnetfeldquellen sehr wenige. Die Hochspannungsleitung wäre hier als Beispiel zu nennen. Elektrische Felder lassen sich grundsätzlich sehr gut abschirmen und sind daher von einem untergeordneten Interesse.

Auch elektromagnetische Felder, die das menschliche Gewebe erwärmen und etwa von Mikrowellen erzeugt werden, sind gut abschirmbar. Hinzu kommt, dass diese hochfrequenten Felder mit steigender Frequenz immer weniger tief in das menschliche Gewerbe eindringen und letztendlich das Implantat im Körper nicht mehr erreichen.

Mit diesem Hintergrundwissen über die Einflussfaktoren einer möglichen Störbeeinflussung eines aktiven Implantats stellt sich die Frage: Wo können betroffene Implantatträger_innen Einfluss nehmen, um das Potenzial einer Störbeeinflussung zu reduzieren?

Betroffene haben keinen Einfluss auf:

  • die Art des Implantats (in aller Regel), da es nach medizinischen Gesichtspunkten ausgewählt wird und die Therapieform primär im Vordergrund steht. Wohl aber können sie mit ihrem Arzt darüber sprechen, wie das Implantat in den Wahrnehmungsempfindlichkeiten eingestellt wird.
  • die Art der Elektroden. Auch sie liegt relativ fest: Bipolare Elektroden sind hier stärker im Vorteil als aktuell dargestellt, denn sie sind im niederfrequenten Bereich störfester als die heute kaum mehr verwendeten unipolaren Elektroden. Eine aktuelle Untersuchung an kardialen Implantaten mit unipolaren und bipolaren Sonden zeigt auf, dass Systeme mit bipolaren Sonden deutlich störfester sind und die derzeitigen Regelwerke konservative Grenzen vorgeben. Die Ergebnisse dieser Studien sollen in naher Zukunft in aktuelle Regelwerke einfließen. Diese positive Entwicklung der Störfestigkeit bei den ICD gilt nicht unbedingt für S-ICD: Hierzu hatte Ingo Bömmels zwei Informationen: Medizinisch habe der S-ICD zwar bestimmt enorme Vorteile, aus Sicht der Störfestigkeit sei er jedoch ein Rückschritt, da er mit unipolaren Elektroden arbeite. Sobald der s-ICD eine Störung detektiere, schaltet er seine Therapiefunktion ab und reagiert nicht mehr auf gefährliche Herzrhythmusstörungen. Die gute Nachricht: Der s-ICD schaltet seine Therapiefunktion wieder ein, wenn der Implantierte sich von der störende Feldquelle entfernt.

Welche Faktoren lassen sich von Betroffenen beeinflussen?

Zwei wesentliche Größen sind am Arbeitsplatz beeinflussbar: Der Abstand zur Feldquelle und deren Betriebsart. Im Rahmen einer individuellen Beurteilung sucht man nicht nur nach Feldquellen, sondern auch nach Möglichkeiten, wie Implantierte ihrer Arbeitsweise verändern können, um ihr Risiko zu minimieren. Sehr oft helfen Änderungen in den Arbeitspositionen oder der Arbeitsweise, insbesondere wenn Feldquellen gezielt abgeschaltet oder in Ihre Leistung herabgesetzten werden können, um das Feld dadurch zu reduzieren. Ein Austausch eines Arbeitsmittels kann ggfs. auch helfen. So weisen in der Regel akkubetriebene Elektrohandwerkzeuge deutlich geringere Magnetfelder auf, als netzbetriebene Maschinen.

Fazit

Eine Gefährdung von Implantierten durch elektromagnetische Felder, so Ingo Bömmels, sei immer gegenwärtig. Dies könne Implantatträger_innen ängstigen und belasten. Das Wissen um die tatsächlichen Gefahren helfe deshalb, Klarheit über das wirkliche Gefahrenpotenzial zu erlangen. Entscheidend sei also, dass Arbeitgeber von der Situation der Implantierten wissen und sich dann gemeinsam um eine Lösung bemühen. Mit einer individuellen Beurteilung des Arbeitsplatzes von Implantatträger_innen werde ein wichtiger Anfang gemacht, denn dadurch werde transparent, welche Geräte oder Anlagen überhaupt relevant sind und welche Veränderungen für die nötige Sicherheit am Arbeitsplatz sorgen. In vielen Fällen reiche zum Beispiel bereits ein Abstand von 30 bis 40 cm zu einer relevanten Feldquelle, die ggf. bereits durch eine andere Körperhaltung zu erreichen sei. Mit einer jährlichen Unterweisung und evtl. einem Warnschild mit sinnvollen Abstandsangaben haben Betroffene die Situation im Blick und kennen ihren sicheren Handlungsraum. Dieses Wissen aus dem beruflichen Umfeld könnten sie zudem ohne weiteres im privaten Umfeld weiter nutzten. Ein Arbeitsplatz, an dem es Feldquellen gebe, sei also nicht per se gefährlich und Angst nicht geboten.

Text: Birgit Schlepütz
Quellen: Vortrag Dipl. ing. Ingo Bömmels