Diagnoseverfahren

Für Nephrologen, so Dr. Reiermann, sei der menschliche Urin weit mehr „als ein bisschen Pipi“. Die Analyse von Urinproben sei vielmehr ein diagnostisches Frühwarnsystem, das Erkrankungen sichtbar machen könne, lange bevor sie Beschwerden verursachen. In der Urinprobe lassen sich unter dem Mikroskop feinste Veränderungen erkennen, die akute Nierenerkrankungen wie Nierensteine oder Infektionen nachweisen. Eine Urinprobe kann aber auch Hinweise auf chronische Nierenerkrankungen geben. Letztere sind weit verbreitet, bleiben jedoch häufig lange unentdeckt. Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen, ohne es zu wissen. Umso gravierender sind die Folgen, wenn die Erkrankung fortschreitet: Die Niere verliert zunehmend ihre Filterfunktion, und das Risiko für schwerwiegende Komplikationen steigt.

  • Die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) ist der wichtigste Messwert zur Beurteilung der Nierenfunktion. Die GFR gibt an, wie viel Blutplasma die Nierenkörperchen pro Minute reinigen. Eine niedrige GFR deutet auf eine eingeschränkte Nierenleistung oder chronische Nierenerkrankung hin.
  • Als schmerzloses und strahlenfreies Diagnoseverfahren ermöglicht die Ultraschalluntersuchung der Niere (Nierensonographie) die Beurteilung von Größe, Form, Lage und Struktur der Nieren sowie der angrenzenden Harnwege. Die Nierensonografie wird zur Diagnose von Nierensteinen, Zysten, Tumoren, Abszessen, Stauungen (Hydronephrose) sowie zur Kontrolle nach Transplantationen eingesetzt.
  • Bei der Nierenpunktion (Nierenbiopsie) wird der Niere eine kleine Gewebeprobe entnommen, um unklare Nierenerkrankungen präzise zu diagnostizieren, die Ursache von Nierenfunktionsstörungen zu klären und die optimale Therapie festzulegen.

Arterielle Hypertonie

Eindrücklich schilderte Dr. Reiermann die Rolle der arteriellen Hypertonie im Wechselspiel zwischen Herz und Nieren. 30 % der Bevölkerung haben eine arterielle Hypertonie, also einen chronisch erhöhten Blutdruck. Ein Drittel dieser Personen weiß nichts davon, ein weiteres Drittel weiß davon und wird nicht behandelt, ein letztes Drittel wird unzureichend behandelt. In etwa 90 % der Fälle entsteht die arterielle Hypertonie durch eine Kombination aus genetischer Veranlagung, Alter und Lebensstilfaktoren wie Übergewicht, Bewegungsmangel, hohem Salzkonsum, Rauchen und Stress. Mit steigendem Lebensalter steigt das Risiko, einen hohen Blutdruck zu haben.

Ein dauerhaft erhöhter Blutdruck schädigt zunächst die feinen Gefäße der Niere, was langfristig zu einer chronischen Nierenkrankheit führen kann. Gleichzeitig kann eine erkrankte Niere den Blutdruck nicht mehr ausreichend regulieren, da sie weniger Wasser und Salz ausscheidet und vermehrt blutdrucksteigernde Hormone wie Renin produziert. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, in dem sich Hypertonie und Nierenschädigung gegenseitig verstärken. Diese Entwicklung belastet auch das Herz erheblich: Die vermehrte Flüssigkeitsansammlung im Körper kann zu Herzschwäche und zu einer Vergrößerung des Herzens führen. Außerdem ist die Verkalkung der Gefäße bei Patienten mit Nierenerkrankungen deutlich beschleunigt.

Ziel der Therapie ist daher nicht nur die Senkung des Blutdrucks, sondern auch der Schutz von Niere und Herz. Hierbei kommen insbesondere ACE-Hemmer und AT1-Rezeptor-Antagonisten zum Einsatz, die neben der Blutdrucksenkung auch nierenschützend wirken. Oft sind zudem Therapien mit Diuretika oder neueren Medikamenten wie SGLT-2-Inhibitoren erforderlich, um die gewünschten Zielwerte zu erreichen.

Das Kardiorenales Syndrom

Von einem kardiorenalen Syndrom spricht man, wenn eine akute oder chronische Funktionsstörung des Herzens (Herzinsuffizienz) eine Nierenerkrankung verursacht – oder umgekehrt: Wird das Herz schwächer, verschlechtert sich die Durchblutung der Niere; versagen die Nieren, steigt wiederum die Belastung für das Herz. Die Symptome sind oft unspezifisch – von schäumendem Urin über Wassereinlagerungen bis hin zu Luftnot oder Leistungsschwäche – und werden leicht übersehen. Die Herausforderung, so Dr. Reiermann, sei also, die Zusammenhänge früh zu erkennen und richtig zu deuten.

Therapie chronischer Nierenerkrankungen

Therapeutisch geht es bei der Behandlung chronischer Nierenerkrankungen immer um ein sensibles Gleichgewicht. Eine konsequente Blutdruckeinstellung, nierenschonende Medikamente, eine gute Einstellung des Fettstoffwechsels und des Blutzuckers, die Vermeidung schädlicher Einflüsse wie Nikotin und – wenn nötig – Verfahren wie die Hämodialyse, die Peritonealdialyse oder die Transplantation, sind zentrale Bausteine.

  • Bei der Hämodialyse wird das Blut außerhalb des Körpers durch einen Dialysator gereinigt, so dass es von Giftstoffen und überschüssigem Wasser gereinigt wird. Typischerweise 3-mal wöchentlich für je 4-5 Stunden in einem Zentrum.
  • Die Peritonealdialyse nutzt das körpereigene Bauchfell (Peritoneum) als Filter, um Blutgifte zu entfernen. Dieses Verfahren ermöglicht Patienten eine eigenständige Behandlung zu Hause, meist vier- bis fünfmal täglich oder nachts.
  • Eine Transplantation bietet Menschen mit chronischem Nierenversagen aufgrund der höheren Lebensqualität und Lebenserwartung oft die beste Behandlungsoption. Das transplantierte Organ kann sowohl von verstorbenen als auch von lebenden Spendern stammen. Um zu vermeiden, dass die Niere vom Körper abgestoßen wird, müssen Transplantierte lebenslang Immunsuppressiva einnehmen.

Bevor Dr. Reiermann mit den Teilnehmenden des Arbeitskreises in den individuellen Austausch ging, hatte sie eine klare Botschaft: Herz- und Nieren seien keine getrennten Welten, sondern eng miteinander verflochten. Eine Erkenntnis, die bei den Teilnehmenden nicht nur medizinisch, sondern auch im übertragenen Sinne nachhallte: Man solle die Dinge eben stets „auf Herz und Nieren prüfen“.