Eine Operation – zwei Wege

Die Implantation eines Defis ist heute ein Routineeingriff, dauert in der Regel zwischen 45 und 90 Minuten und findet im Herzkatheterlabor oder im Operationssaal statt. Doch Routine heißt nicht Beliebigkeit. „Die Wahl des Narkoseverfahrens beeinflusst mehr, als man denkt“, machte Charlotte Müller in ihrem fachlichen Impuls deutlich, den sie dem Austausch mit den Teilnehmenden voranstellte. „Bei der Wahl der Narkoseform geht es nicht nur um Schmerzfreiheit, sondern auch um Risiken, um die postoperative Erholung und um das persönliche Empfinden der Betroffenen.“

Was passiert bei der Vollnarkose?

Die Vollnarkose versetzt der Körper in einen kontrollierten Tiefschlaf. In der Folge bekommen Patient*innen von der Implantation des Defis nichts mit. Bei einer Vollnarkose ist der Schlaf so tief, dass die eigene Atmung aussetzt und für die Dauer der Operation durch ein Beatmungsgerät übernommen wird. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Vollnarkose bietet eine maximale Schmerzfreiheit und ein hohes Maß an Komfort – besonders für Menschen, die große Angst vor der Operation haben. Doch dieser Komfort hat auch seinen Preis. Eine Vollnarkose belastet Kreislauf, Herz und Lunge stärker und macht die Überwachung der Patient*innen aufwendiger. Hinzu kommt, dass nach dem Aufwachen Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Verwirrtheitszustände auftreten können. Zudem verlängert die Vollnarkose oft die Zeit im OP und im Aufwachraum.

Lokalanästhesie als Alternative

Der Vollnarkose gegenüber steht die örtliche Betäubung. Dabei wird nur das Operationsgebiet betäubt. Patient*innen, die nicht bei vollem Bewusstsein bleiben möchten, können auf Wunsch eine leichte Sedierung erhalten, die sie in eine Art Dämmerschlaf versetzt. Eventuell nehmen sie dann dennoch Druck oder Geräusche wahr, die Schmerzbelastung ist jedoch in der Regel gering. Auch hier liegen die Vorteile auf der Hand: Die Lokalanästhesie belastet den Körper weniger, die Patient*innen erholen sich schneller und Nebenwirkungen treten seltener auf. Gerade für ältere oder vorerkrankte Menschen ist das ein entscheidender Punkt. Allerdings, so Charlotte Müller, sei diese Methode nicht für alle Patient*innen gleich gut geeignet. Wer große Angst habe oder sich schwer darauf einstellen könne, während des Eingriffs wach zu sein, empfinde die Situation möglicherweise als belastend.

Was sagen die Studien?

Die aktuelle Studienlage, so Charlotte Müller, spreche eine klare Sprache. Nationale und internationale Fachgesellschaften empfehlen für die meisten Patientinnen und Patienten die lokale Anästhesie – gegebenenfalls kombiniert mit einer Sedierung. „Die Lokalanästhesie gilt als sicher, effektiv und gut verträglich. Eine Vollnarkose ist in der Regel nur in bestimmten Situationen sinnvoll – etwa bei sehr komplexen Eingriffen oder wenn während der Operation spezielle Tests des implantierten Geräts durchgeführt werden müssen.“

Die wichtigste Botschaft: Es gibt kein „one size fits all“

Was den Vortrag und das anschließende Gespräch wieder einmal besonders machte, war der Blick auf die individuelle Situation. Charlotte Müller betonte immer wieder: Die moderne Medizin biete heute mehrere sichere Wege. Entscheidend sei, den zu wählen, der am besten zu einem Menschen passe. Die Entscheidung für oder gegen ein Narkoseverfahren könne daher nicht pauschal getroffen werden. Vorerkrankungen, persönliche Ängste, der konkrete Eingriff – all das fließe letztlich in die Entscheidung ein. Am Anfang stehe deshalb immer ein ausführliches Gespräch, in dem Risiken, Wünsche und Möglichkeiten gemeinsam mit den Betroffenen abgewogen würden. Im Anschluss an den einführenden Vortrag wurde der Arbeitskreis dann zum Gesprächsraum. Die Teilnehmenden nutzten die Gelegenheit, um ihre persönlichen Fragen zu besprechen. Charlotte Müller nahm sich Zeit, erklärte verständlich und nahm vielen Teilnehmenden damit sichtbar ihre Unsicherheit.