Arbeitskreis "Urlaub mit dem Defibrillator" mit Dr. med. Sven Kaese

Dr. med. Sven KaeseDr. med. Sven KaeseDas Reisen war auch in diesem Jahr für die für Defi-Patienten wieder ein wichtiges Thema. Dr. Sven Kaese informierte in einem Arbeitskreis umfassend über die Rahmenbedingungen einer Reise mit dem Defi. Eine gute Vorbereitung, so zeigten seine Ausführungen, ist dabei bereits die halbe Miete. Zusammengefasst finden Sie im Folgenden einige Hilfestellungen, die Dr. Kaese den Arbeitskreis-Besuchern mit auf den Weg gab. Er führt im Department für Kardiologie und Angiologie am UKM die medizinische Reiseberatung durch. Patienten können sich bei ihm umfassend zu allen Fragen und Reisethemen beraten lassen.

Reisedokumente: das A und O für effektive Hilfe

Für alle Defi-Patienten ist es besonders wichtig, aussagekräftige Dokumente mit auf die Reise zu nehmen. Dazu gehört der aktuelle Arztbrief mit allen Diagnosen, Medikamenten und Allergien. Aber auch eine Medikamentenliste, auf der alle Dosierungsangaben sowie die generischen Medikamentennamen und deren Handelsnamen verzeichnet sind. Wichtig ist auch ein aktuelles 12-Kanal-EKG. Je nach Aggregat und Grunderkrankung sollte es mit und ohne Stimulation durch den Herzschrittmacher vorliegen. Der Defi- oder der Herzschrittmacher-Ausweis dürfen ebenso wenig fehlen wie der Marcumar-Ausweis oder der Ausweis für aktuelle Antikoagulantien. Für Patienten mit Allergien ist auch der Allergiepass wichtig.

Führt die Reise in ein Land, für das Impfungen empfohlen sind, gehört ein außerdem ein internationaler Impfpass ins Gepäck. Vor Ort erleichtert ein Nachweis über die Krankenversicherung im Falle des Falles eine Behandlung sowie den Zugang zu Medikamenten im Ausland. Im Notfall er auch beim Rücktransport. Da man in vielen Ländern bei einer Behandlung in Vorleistung gehen muss, sollte die Kreditkarte vor der Reise für das entsprechende Land frei geschaltet werden und einen ausreichenden Kreditrahmen ausweisen.

Es helfe sehr, so Dr. Kaese, wenn alle diese Dokumente und Angaben mindestens auch in englischer Sprache vorliegen. Das gelte auch für den internationalen Führerschein. Achtung ist bei Ländern geboten, die neben dem Personalausweis auch einen Reisepass zur Einreise verlangen. Dieser muss teilweise sogar noch sechs Monate nach Reiseantritt gültig sein. Sicherheit für den Patienten bieten auch Listen mit Krankenhäusern vor Ort, die über entsprechende Abfragegeräte verfügen. So kann er im Falle des Falles schnell versorgt werden.

Welche Medikamente sind wichtig?

Alle Medikamente sollten in ausreichender, mindestens aber in doppelter Menge mitgeführt werden – und zwar unabhängig voneinander im Reisegepäck und im Handgepäck. So geraten Patienten nicht unter Druck, wenn ein Gepäckstück verloren geht oder verspätet am Zielort eintrifft. Erleichternd für Flugreisende ist, dass sie diese Medikamente auch außerhalb des 1 l Beutels im Handgepäck mitführen dürfen. Am Flughafen müssen sie jedoch extra vorgelegt und kontrolliert werden. In Einzelfällen müssen Patienten durch ein Attest des Arztes nachweisen, das sie ihre Medikamente im Handgepäck mitnehmen dürfen. Wer sich genauer informieren möchte, findet beim Auswärtigen Amt Hilfe. Es gibt regelmäßig Richtlinien zur Einfuhr von Medikamenten heraus.

Reiseplanung nach einer ICD-Implantation

Die erste Aggregatkontrolle erfolgt kurz nach der OP, die nächste erst wieder nach ein bis drei Monaten. Die Kontrollintervalle vergrößern sich dann mit zunehmender Entfernung von der Implantation. Auf diese Kontrollintervalle können Patienten ihren Urlaub langfristig ausrichten.

Da heute bereits 10 bis 14 Tage nach einer OP die Fäden einer OP-Wunde gezogen werden, ist es auch für Defi-Patienten möglich, kurz nach einer Operation zu reisen. Sie sollten jedoch den direkten Wasserkontakt vermeiden und den Wundverband belassen. Auch den Arm sollten sie für etwa zwei bis vier Wochen nicht über 90° heben. Da das Risiko einer Infektion unmittelbar nach einer OP größer ist, sollten Patienten genau darauf achten, ob die Haut spannt, überwärmt, errötet oder anschwillt. Auch Druck- und Bewegungsschmerzen sowie Fieber und Schüttelfrost können Anzeichen einer Infektion sein.

Wenn der Urlaub in die Höhe gehen soll

Zwar ist das Wandern in größerer Höhe immer abhängig von der Basiserkrankung; Höhen bis 1.500 m sind jedoch in der Regel kein Problem. Ein Hypoxie-Test und ein Belastungs-EKG sind für Defi- oder Schrittmacher-Patienten gute Untersuchungen, bevor es in die Höhe geht. Wie Defibrillatoren und Herzschrittmacher sich in Höhen über 5.000 m verhalten, ist bislang wissenschaftlich nicht gesichert erforscht.

Sonnen- und Hitzeziele mit dem Defi?

Der ICD selbst nimmt beim Sonnenbaden keinen Schaden. Wie alle Narben sollten Defi-Patienten jedoch die Aggregatnarbe vor Sonneneinstrahlung schützen. Ist es nicht nur sonnig, sondern auch heiß, erweitern sich die Gefäße und es kann zu Kreislaufstörungen kommen.

(K)ein Sonderfall: Sonnen mit Cordarex® | Amiodaron?

Zahlreiche Patienten nehmen das Medikament Amiodaron (Cordarex®). Es trägt zur Photo-Sensibilisierung der Haut bei, so dass 40% der Anwender bei Sonneneinstrahlung unter Hautrötungen leiden. Andere wiederum entwickeln eine violett-gräuliche Hautfarbe (Pseudozyanose). Amiodaron-Patienten sollten deshalb besonders darauf achten, ihre Haut vor zu viel Sonne – auch vor „Solariensonne“ - zu schützen.

Reisethrombose

Jeder Mensch, der an Übergewicht leidet, raucht, die Pille nimmt, schwanger ist oder Krampfadern hat, sollte bei längeren Flügen oder sitzenden Reisewegen Acht geben. Manchmal reicht es, bequeme Kleidung zu tragen, ausreichend zu trinken und Alkohol während der Reise zu vermeiden. Leiden Patienten aber an Gerinnungsstörungen des Blutes, kardiovaskülären Erkrankungen oder einer Herzinsuffizienz, steigt ihr Thromboserisiko. Auch Menschen, die kürzlich operiert wurden oder in deren Familie tiefe Beinvenenthrombosen auftreten, sind potenziell gefährdet. Sicherheitshalber sollten Patienten mit einem hohen Risikopotenzial deshalb mit ihrem Arzt besprechen, ob sie vorbeugend Medikamente zur Gerinnungshemmung des Blutes einnehmen sollten. Auch Kompressionsstrümpfe, regelmäßiges Bewegen der Beine, Aufstehen und Gehen in der Flugkabine, ein Gangplatz mit ausreichender Beinfreiheit und genügend Flüssigkeitszufuhr helfen, eine Reisethrombose zu vermeiden.

Was passiert bei der Flugreise mit unserem Körper?

In einer Flugzeugkabine wir der Luftdruck künstlich so gehalten, dass der Körper glaubt, er befinde sich auf einer Höhe zwischen 1.500 m und 2.500 m. Ein Lufdruckausgleich durch die Nasennebenhöhlen oder das Mittelohr hilft uns, mit dieser künstlichen Situation umzugehen. Weil auch der Sauerstoffgehalt der Luft in der Kabine niedriger ist, reagieren Patienten mit einer herz- oder lungenbedingten Grunderkrankung schnell mit Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Konzentrationsstörungen. Patienten mit einer Herzinsuffizienz leiden bei Flügen häufig an Luftnot. Sie sollten deshalb vor einer Flugreise einen Hypoxie –Test machen. Er klärt, ob während des Fluges künstlich Sauerstoff zugeführt werden muss. Die körpereigenen Gase wiederum dehnen sich durch den niedrigen Luftdruck um bis zu 30% aus. Dies kann zu Magenkrämpfen, Problemen mit dem Trommelfell und Kopfschmerzen führen. Menschen mit frischen Narben sollten deshalb besonders aufpassen.

Stress

IDC-Patienten sollten sich bei einer Flugreise ausreichend Zeit gönnen. Denn Zeitdruck – oder auch Flugangst - belasten die Psyche und aktivieren auch das sympathische Nervensystem. Dadurch gerät der Körper in eine Stresssituation, die sich negativ auf eine Herzinsuffizienz auswirken kann. Auch die körperlichen Belastungen durch lange Wegstrecken, Sicherheitskontrollen oder schweres Gepäck sollten ICD-Träger_innen nicht unterschätzen. Insgesamt gilt hier: mehr Zeit = weniger Stress.

Sport im Urlaub

Sport ist für viele ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Sofern nicht schon geschehen, sollten Defi-Patienten, die im Urlaub sportlich aktiv sein wollen, sich einem gründlichen medizinischen Check unterziehen, um herauszufinden, was möglich ist. Liegt ein Infekt vor, sollten sie grundsätzlich auf Sport verzichten. Empfehlenswert sind eher Ausdauersportarten wie Jogging oder Nordic Walking und Ballsportarten wie Tennis. Nicht empfehlenswert sind dagegen Sportarten mit intensivem Körperkontakt oder sogar Kampfsportarten. In jedem Fall sollte ein ICD auf die sportlichen Aktivitäten seiner Träger programmiert werden.

 

Dr. med. Sven Kaese arbeitet in der Abteilung Gesundheitsförderung und Prävention, Reisemedizinische Gesundheitsberatung in der Abteilung für Rhythmologie im Department für Kardiologie und Angiologie am Universitätsklinikum Münster.

 

Hören Sie hier auch das Interview mit Dr. Kaese (mp3-Datei) aus dem Jahr 2015:

 

Text: Birgit Schlepütz
Fotos: Ilona Kamelle-Niesmann