Um ihrer individuellen Geschichte gerecht zu werden, bestellt Dr. med. Stefan Gunia neue Defi-Patienten erst einmal häufiger zu sich ein. Der Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie am Bauhaus MVZ in Steinfurt will sie kennen lernen, um besser auf sie eingehen zu können. Denn er weiß: Wenn eine Arzt-Patienten-Beziehung gut beginnt, ist der Grundstein für ein vertrauensvolles Miteinander gelegt.

Mehr noch: Dr. Gunia musste selbst schon erleben, dass Patienten menschlich und psychisch zerbrochen sind, weil ihr Umfeld ihre Situation nicht angemessen einschätzen konnte. Sein erster Gedanke im Patientengespräch ist deshalb: „Vor mir sitzt ein Mensch, der meine Aufmerksamkeit und Hilfe benötigt. Auch dann, wenn ich es äußerlich nicht erkennen kann.“ Rhythmusstörungen, so seine Erfahrung, sind für alle Patienten lebensverändernd. Von Sprüchen wie „Man sieht doch nichts, dann hast Du bestimmt auch nichts“, hält er denn auch wenig, da jeder Mensch seine Situation individuell sehr verschieden verarbeitet und wahr mimt. Bevor er sich den Fragen der rund 20 Gäste des Nachmittags widmete, plädierte er deshalb noch einmal an alle: „Sprechen Sie möglichst auch über das, was für Ihren Arzt nicht offensichtlich ist.“

Darf ich nach einem Defi-Schock Auto fahren?

Die Gefahr beim Autofahren liegt in einem möglichen Kontrollverlust über das Fahrzeug. Nach einem Defi-Schock gilt deshalb ein dreimonatiges Fahrverbot. „Die Verantwortung“, so Dr. Gunia, „jemanden fahren zu lassen, auch wenn er nicht das Bewusstsein verloren hat, kann niemand übernehmen. Allerdings gibt es Untersuchungen, die belegen, dass viele Defi-Patienten fahren, obwohl sie es nicht dürfen. Und der eine oder die andere spricht sogar offen gegenüber dem Arzt darüber.“ Für Ärzte sind solche ‚Bekenntnisse‘ äußerst schwierig, schließlich werden sie dadurch Mitwisser eines Fehlverhaltens und unterliegen gleichzeitig der Schweigepflicht.“

Die neuesten Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung von Patienten mit Defibrillatoren sagen zusammengefasst (Stand: 31. 12. 2019) folgendes:

  • Hat der Defi berechtigt ausgelöst, ist die Fahreignung für Fahrzeuge der Gruppe 1 für drei Monate nicht gegeben. Zu dieser Gruppe gehören alle Fahrzeuge bis 3,5 t und Motorräder.
  • Hat der Defi unberechtigt ausgelöst, ist die Fahreignung so lange nicht gegeben, bis die unberechtigten Schocks sicher verhindert werden. Regelmäßige kardiologische Kontrollen mit Überprüfung des Defibrillators sind notwendig.
  • Treten wiederholt Kammertachykardien auf, ist eine rhythmologische Untersuchung notwendig.
  • Kraftfahrer der Gruppe 2 gelten in der Regel als nicht geeignet, mit Defi ein Kraftfahrzeug zu führen. Zur Gruppe 2 gehören zum Beispiel Lastkraftwagen und Busse.

Sie können die gesamten Richtlinien im Wortlaut nachlesen.

Ist ein Defi-Schock immer mit einer Ohnmacht verbunden?

Nein. Bei den Defibrillatoren der ersten Generation war die Kapazität der Kondensatoren noch so gering, dass der Ladevorgang für die Schockabgabe recht lange dauerte. Heute therapieren Defis meist nach wenigen Sekunden. Erleiden Patienten ein Kammerflimmern, bemerken sie den Schock in aller Regel nicht, weil sie vorher ohnmächtig werden. Die Ohnmacht löst also dann nicht der Defi aus, sondern das zugrunde liegende Herzproblem. Rhythmusstörungen wie Kammertachykardien können, müssen aber keine Ohnmacht auslösen. Dies hängt von der individuellen Herzleistung der Patienten ab. Stellt sich in solchen Fällen eine Ohnmacht nicht nach wenigen Sekunden ein, spüren Patienten den Defi-Schock. Ein Defi kündigt einen Schock nicht an, manche Menschen spüren aber kurz zuvor einen Schwindel. Da Kammertachykardien sich auf vielfältige Weise „bemerkbar“ machen, sind sie schwierig zu beschreiben. Der Schwindel kann also auch von ihnen herrühren. Das Gefühl des Schocks vergleichen Patienten immer wieder mit dem Tritt eines Pferdes vor die Brust.

„Der Defi“, so Dr. Gunia, “ ist Ihr Lebensretter. Er ist also nicht das Problem, sondern die Lösung.“ Weil er aber als sichtbares Zeichen die drastische Änderung ihrer Lebensumstände manifestiere, kennt er durchaus Patienten, die ihre Unzufriedenheit darüber auf den Defi projizieren. „Tatsächlich ist er aber nur die Folge davon, was passiert ist. Er hat das Leben nicht kaputt gemacht, sondern es gerettet.“ Wenn Patienten ihre verständliche Wut über ihre Situation nicht am Defi auslassen, fällt es ihnen leichter, die Veränderungen für ihr Leben zu akzeptieren. Auch Mediziner werden nicht selten zu solchen Projektionsflächen. „Alles, was Patienten empfinden, ist für sie erst einmal die Wahrheit. Das nehme ich ernst und wenn darüber ein offenes Gespräch auf Augenhöhe entsteht, kann sich eine vertrauensvolle und förderliche Arzt-Patienten-Beziehung aufbauen.“

Ursachen für Mehrfachschocks

Erleben Patienten Mehrfachschocks, sollten sie sofort die Klinik kontaktieren. Waren die Schocks berechtigt, erfolgen weitere Untersuchungen. Waren sie unberechtigt, wird geprüft, ob eine Defi-Funktion umprogrammiert werden muss. Mittlerweile hat sich eine Standardprogrammierung durchgesetzt, die für sehr viele, aber eben nicht für alle, Patienten passend ist.

Gründe für Mehrfachschocks können zum Beispiel sein:

  • Sonden empfangen Störsignale, die als Herzschlag gewertet werden. Ist ein Patient dann zusätzlich aufgeregt, werden zu viele Herzschläge wahrgenommen und als Rhythmusstörung missdeutet.
  • Eine belastungsabhängige Pulssteigerung (z.B. Sport) erfolgt langsam, Rhythmusstörungen steigern den Puls plötzlich. Übersteigt der Puls bei einer belastungsabhängigen Pulserhöhung eine bestimmte Schwelle, reagiert der Defi, als ob es sich um eine Tachykardie handelt. Diesen Schwellenwert kann man im Defi justieren. Dies ist bei Menschen, die Sport treiben, zum Beispiel häufiger der Fall.
  • Beim Vorhofflimmern schlagen die Vorhöfe und Herzkammern asynchron. Setzt das Vorhofflimmern plötzlich ein, kann der Defi dies als Tachykardie erkennen, da er auf die Varianz zwischen den Herzschlägen reagiert.
  • Bei einem elektrischen Sturm dauert die Rhythmusstörung nur kurz an, kommt aber immer wieder. Die Ursache kann zu Beispiel ein niedriger Kaliumwert sein.

Wie entsteht der Herzschlag?

Das Herz hat einen eigenen elektrischen Kreislauf. Durch Hormone angeregt, entsteht im Herzen ein schwacher elektrischer Strom, der sich ausbreitet. So sorgt er dafür, dass sich das Herz zusammenzieht und Blut durch den Körper pumpt.

Unter Stress, der ebenfalls hormongesteuert entsteht, steigt auch der Blutdruck, so dass man Betablocker gibt, damit das Herz in Belastungssituationen nicht mehr so beansprucht wird. „Vor allem emotionalen Stress“, so Dr. Gunia, „sollte man nie unterschätzen. Er ist mit das Anstrengendste, was dem Körper passierten kann und vergleichbar mit einem Triathlon.“

Warum kann man Defi-Batterien nicht einfach wieder aufladen?

„Das Problem“, so Dr. Gunia, „ist vor allem ein rechtliches, weil man damit die Verantwortung für die Funktionstüchtigkeit der Geräte an den Patienten überträgt.“ Heute gibt es zudem hervorragende Geräte, in denen kleine Batterien mit längeren Laufzeiten sitzen. „Wer 1990 einen Defi bekommen hat, der wünschte sich definitiv das Nachfolgemodell. Dann haben die Geräte immer mehr Elektronik mit immer feineren Algorithmen bekommen und die Laufzeiten haben sich eher verringert. Heute kommt man wieder dahin, dass die modernen Geräte auch lange Laufzeiten haben. Auch die Kondensatoren sind kleiner geworden und können dennoch schnell hohe Energie bereitstellen.“

„Ich trage eine Uhr, die ‚Rhythmusstörung‘ oder ‚Vorhofflimmern‘ signalisiert: Soll ich sie wegwerfen oder darauf hören?“

Dr. Gunias sieht in Geräten wie diesen Uhren Fluch und Segen zugleich. „Sobald solche Geräte den Patienten nur beunruhigen, sind sie nicht hilfreich. Mediziner haben zudem oft nicht die Möglichkeit der nachgelagerten Beurteilung dieser Anzeigen, wenn man die Ergebnisse nicht gebündelt ausdrucken oder abrufen kann. Wenn man sie aber als hilfreich empfindet, dann sollte man sich damit beschäftigen und lernen, was sie können und wie sie funktionieren. Dann kann auch der Arzt etwas damit anfangen und sie können hilfreiche Therapiebegleiter werden.“ Smartwatches wie die apple watch können mittlerweile ein unipolares EKG erstellen, das Patienten ausdrucken können. Bevor man ein solches Gerät kauft, sollte man also immer fragen: Welches Gerät ist es und was kann es? Kann man es bedienen? Kann man die Messungen sichtbar machen?

 

Text: Birgit Schlepütz

Quelle: Gesprächskreis mit Dr. med. Stefan Gunia, Facharzt für Innere Medizin sowie Facharzt für Kardiologie am Medizinischen Versorgungszentrum Bauhaus MVZ in Steinfurt.