Dr. med. Gregor KerckhoffDr. med. Gregor KerckhoffDas nennen wir Einsatzbereitschaft! Obwohl Dr. Gregor Kerckhoff – Mitglied des Beirats der HERZ IN TAKT DEFI LIGA und niedergelassener Kardiologe in Coesfeld – sich den Arm ausgekugelt hatte, ließ er es sich nicht nehmen, den rund 20 Teilnehmenden des Gesprächskreis Rede und Antwort zu stehen. Die gute Nachricht kam noch im Verlauf des Nachmittags: Eine OP war nicht nötig. Wir wünschen Dr. Kerckhoff nun vor allem eine schnelle Heilung! Nachdem „Medienmaster“ Georg Duchna kurz in die Technik und die Kommunikation untereinander eingeführt hatte, verging der Nachmittag unter der Moderation der Vorsitzenden Angelika Däne wie im Flug. Der nächste Gesprächskreis, das ist relativ sicher, wird erneut online stattfinden. Wer dabei sein möchte, ist herzlich willkommen!

Impfsituation für chronisch Kranke

Eine drängende Frage an diesem Nachmittag war die nach dem Stand der Impfsituation für chronisch kranke Menschen. Aktuell laufen dazu die Telefone bei der Defi-Liga heiß. Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen ist auch Dr. Kerckhoff nicht glücklich darüber, dass chronisch Kranke in Gruppe 3 der Priorisierung verblieben sind. Gleichwohl hat er die Hoffnung, dass sich die Situation bald durch die Hausärzte bessert. Aktuell komme immer mehr Impfstoff in den Praxen an, so dass das Tempo sich erhöhen werde.        

Dass AstraZeneca für über 60-Jährige nun doch empfohlen werde, begrüßt Dr. Kerckhoff. Selbst bei Jüngeren überwiege für ihn der Nutzen der Impfung das Risiko. Jede Impfung mit Nebenwirkungen sei natürlich im Einzelfall tragisch - in der Gesamtheit stürben aber mehr Menschen, wenn sie gar nicht geimpft werden. Dr. Kerckhoff hat seine Praxis bereits als Impfpraxis angemeldet. Derzeit - Stand 16. April - impft er jedoch noch nicht, damit die Hausärzte den Impfstoff vorrangig bekommen. Verschiedentlich höre man von Menschen, die außerhalb einer Priorisierung bereits geimpft seien - hier handele es sich jedoch wahrscheinlich einfach um Menschen, denen übrig gebliebene Dosen erhalten verimpft worden seien. Dies sei zwar im Einzelfall nicht 100%-ig gerecht, doch Impfstoff wegzuschmeißen helfe in der jetzigen Lage niemandem weiter.

Auf die Schwierigkeiten bei AstraZeneca angesprochen, bricht Dr. Kerckhoff eine Lanze für die Forschung. „Wir nehmen die Menschen gerade mit auf eine Reise der Wissenschaft. Wir Mediziner sind darauf programmiert, auszuprobieren, zu lernen und zu verwerfen. Wo wir sonst erst mit Ergebnissen an die Öffentlichkeit treten, läuft aktuell auch der Prozess des Forschens praktisch live und online mit. Weil Wissenschaft sich jedoch nicht linear entwickelt, kommt es eben auch dazu, dass namhafte Wissenschaftler heute etwas anderes sagen, als noch vor vier Monaten. Einfach nur deshalb, weil neue Erkenntnisse vorliegen. Immerhin handelt es sich um einen Erreger, den wir erst seit einem Jahr kennen.“

Da der Kardiologe davon ausgeht, dass das Crona-Virus unser Leben noch lange begleiten wird, geht er künftig von einer jährlichen Impfung aus. Wie bei den Grippeviren werde es vermutlich zu Mutationen kommen, da der biologische Veränderungsdruck auf das Virus hoch ist. Mutationen würden zudem eingetragen, sobald das Reisen wieder möglich sei. So wie die Impfstoffe gegen das Grippevirus würden dann auch die Impfstoffe an die Virusvarianten angepasst werden müssen - es sei denn, man finde ein Mittel, das gegen den Stamm wirke. Die auf dem Markt befindlichen Impfstoffe seien hoch wirksam und geprüft - für Zweifler hat er angesichts der möglichen katastrophalen Folgen wenig Verständnis: „Wer Angst vor der Impfung hat, soll es mit der Erkrankung versuchen.“

Pneumokokken- und Grippeschutzimpfung seien gute flankierende Maßnahmen zum Schutz vor dem Virus. Zu einem möglicherweise positiven Effekt von Asthmaspray gibt es derzeit noch keine validen Aussagen. Während ACE-Hemmer zunächt als schädlich und dann wieder als super galten, gelten sie gerade als neutral. Auf keinen Fall sollte man seine ACE-Hemmer jedoch einfach absetzen.

Sondendefekte

In der Defi-Liga mehren sich aktuell Patientenberichte über Sondendefekte. Auf die Frage, ob es sich dabei um Einzelfälle oder Eintagsfliegen handele, berichtet Dr. Kerckhoff, dass es seiner Wahrnehmung nach derzeit tatsächlich vermehrt zu Rückrufen komme. Vielleicht sei dies aber auch die Auswirkung einer Klagewelle in den USA.

Telemonitoring

Immer wieder kommt es zu Fragen über die Verlässlichkeit des Telemonitoring. Patienten berichten etwa, wegen Fehlermeldungen in die Klinik bestellt worden zu sein, wo diese sich dann als nicht richtig oder nicht relevant herausgestellt hätten. Der Einzelfall, so Dr. Kerckhoff, sei aus der Ferne natürlich kaum zu beurteilen. Grundsätzlich sei es jedoch erst einmal gut, Patienten bei Unsicherheiten in die Klinik zu bestellen. Zwar gebe es durchaus Fehlfunktionen am Defi, es sei aber sehr, sehr selten, dass Patienten deswegen Schaden nehmen. Dazu sei der Defi mit verschiedenen Schutzmechanismen ausgestattet: „Wenn zum Beispiel die Batterie schwach wird, schalten sich Funktionen, die für die lebensrettende Defibrillation nicht notwendig sind, einfach aus. So bleiben der Batterie mehr Reserven.“ Ähnliches gelte für das Telemonitoring: Hier gebe es Daten „an denen das Leben hängt“ oder eben auch Daten, „die zwar auffällig sind, aber im angemessenen Rahmen liegen und nicht umgehend begutachtet werden müssen.“

Elektroneurografie und MRT

Was die Belastung des Defis betrifft, so können Patienten - etwa zur Untersuchung einer Polioneuropathie - problemlos eine Elektroneurografie vornehmen lassen. Die Ströme, die dabei fließen, sind zu gering, um den Defi zu stören oder zu schädigen. Gleiches gilt auch für den Schrittmacher.

Ein MRT ist für Defi-Patienten nicht so einfach möglich, da die Untersuchung magnetbasiert funktioniert. Als Richtschnur gilt hier: ALLE Elemente des Defis müssen MRT tauglich sein. Ein neues MRT-fähiges Device nutzt also demjenigen nicht, der alte Sonden trägt. Für eine MRT existieren strenge Indikationsvorgaben. So kann es zum Beispiel sein, dass Patienten eine  MRT-Erlaubnis für bestimmte Körperbereiche  wie Hüfte, Beine, Knie oder den Kopf erhalten. Weil der Magnet des Defis während des MRTs absgeschaltet wird, muss während der Untersuchung ein Kardiologe anwesend sein und ein externer Defi bereit stehen. Wer ein MRT brauche, sollte sich dazu an eine Klinik oder ein Herzzentrum wenden, die Erfahrung damit haben. Handele es sich um dringende Indikationen, müsse man eventuell das Risiko eingehen. Dr. Kerckhoff händigt seinen Patienten für den Besuch beim Radiologen immer einen Ausdruck über die Eckdaten der Defis und seine Vereinbarkeit mit einem MRT aus. Auf den Websites der jeweiligen Herstellerfirmen erhalte man mit Hilfe der Defi-Daten ebenfalls Informationen. Sofern – zum Beispiel bei einer Erstimplantation – die Wahl des Geräts offen ist, empfiehlt Dr. Kerckhoff seinen Patienten nach Möglichkeit einen MRT-fähigen Defi. Künftig werden vermutlich alle Geräte MRT-tauglich sein. Coronarstents und Sternum-Zerklagen sind wiederum unproblematisch für ein MRT.

Medikamentenanpassung im Ruhestand?

Ein Teilnehmer fragte, ob eine andere Medikation angezeigt sei, sobald man in den Ruhestand ginge und auch tatsächlich mehr Ruhe habe? Er selbst höre seinen Herzschlag nun deutlich und nehme auch Extraschläge wahr - vor allem, wenn er abends im Bett liege. An der Medikation, so Dr. Kerckhoff, solle am besten nur etwas verändert werden, sofern es einen therapeutischen Nutzen für das Herz und das Wohlbefinden habe. Höre man seinen Herzschlag zu deutlich, helfe manchmal bereits ein Lochkissen, bei dem man sein Ohr in eine dafür frei geschnittene Stelle legen könne. Diese verhindere, dass man seinen Pulsschlag hören könne.

Kontinuität und Vertrauen

Auf die Frage, ob man bei der eigenen Katheteruntersuchung zuschauen dürfe, um die Herzkranzgefäße zu sehen, sagte Dr. Kerckhoff ganz klar „Ja, klar, es sind doch Ihre Kranzgefäße! Auch die Filmaufnahme davon dürfen Sie sich jederzeit von Ihrem Kardiologen zeigen lassen.“ Überhaupt ermunterte Dr. Kerckhoff alle noch einmal, das kontinuierliche Gespräch mit dem Hausarzt und dem Kardiologen zu suchen. Für ihn sei das Arzt-Patienten-Verhältnis ein wichtiger Grund gewesen, sich mit seiner Praxis im westfälischen Coesfeld niederzulassen. Ein ganz wichtiger Teil für ein gut verlaufendes Gespräch seien die Fragen der Patienten. Hier brach er eine Lanze für die Kardiologen in den Kliniken, die unter einem enormen Zeitdruck stehen. Deshalb riet er, sich alle Fragen aufzuschreiben, damit beim Termin nicht etwas Wichtiges vergessen werde: „Patienten müssten nicht nur wissen, was sie haben. Um zum Experten für sich selbst zu werden, müssen sie es auch verstehen. Das ist in meinen Augen eine originäre Aufgabe des Arztes.“

 

Text: Birgit Schlepütz