Gute Botschaft: Ein Arbeitsplatz mit elektromagnetischen Feldquellen, so Dipl.-Ing. Ingo Bömmels, ist nicht per se gefährlich. Foto: © G. DuchnaGute Botschaft: Ein Arbeitsplatz mit elektromagnetischen Feldquellen, so Dipl.-Ing. Ingo Bömmels, ist nicht per se gefährlich. Foto: © G. DuchnaWie muss ein Arbeitsplatz gestaltet sein, damit er für Implantatträger sicher ist? Was sind elektromagnetische Felder, wo findet man sie und wie wirken sie sich auf das Arbeitsleben eines Defi-Patienten aus? Anfang Juli hielt Dipl.-Ing. Ingo Bömmels dazu beim monatlichen Gesprächskreis einen höchst informativen Vortrag. Bömmels ist Sachgebietsleiter im Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und hat regelmäßig mit diesen Fragen zu tun. Sein Fazit vorweg: Panikmache ist nicht angesagt – allerdings sollte jeder Arbeitsplatz eines Implantatträgers bei der Wiedereingliederung individuell und gründlich betrachtet werden. Und seine Empfehlung? Implantatträger können sicher arbeiten, wenn im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung sie und ihre Arbeitgeber an einem Strang ziehen, sich fachlichen Rat einholen und gemeinsam nach einem guten und sinnvollen Weg suchen.

Dipl.-Ing. Ingo Bömmels berät seit Jahren die Unfallkassen und Berufsgenossenschaften zum Thema Elektromagnetische Felder (EMF). Neben dem Durchführen von Vorträge und Schulungen gehören zu seinen Hauptaufgaben, das Ausarbeiten von Regelwerken und die konkrete Untersuchung und Beurteilung der Arbeitssituation in den Mitgliedsbetrieben, als auch Forschungsvorhaben rundum der EMF. Ob elektromagnetische Felder Patienten mit einem Herzschrittmacher (HSM) oder Defibrillator (Defi) an ihrem Arbeitsplatz konkret gefährden, so Bömmels, hänge grundsätzlich von vier wesentlichen Faktoren ab: von der Feldquelle, der Feldeigenschaft (Stärke und Frequenz) des elektromagnetischen Feldes, dem Implantat selbst und der Arbeitsweise des Mitarbeitenden.

Feldquellen, Feldeigenschaft

Grundsätzlich gilt, dass alle elektrisch betriebenen Maschinen oder Anlagen sogenannte Feldquellen sind, weil sie entweder elektrische, magnetische oder elektromagnetische Felder erzeugen. Nicht alle dieser Feldquellen sind aber aus Sicht des Arbeitsschutzes relevant. So hat zum Beispiel das elektrische Feld unter einer Hochspannungsleitung keinen großen Einfluss auf ein Implantat, da der menschliche Körper das Implantat abschirmt und das elektrische Feld kaum in den Körper eindringt. Motoren hingegen erzeugen magnetische Felder, die den menschlichen Körper ungehindert durchdringen – und deshalb relevante Störspannungen im Implantat hervorrufen können. Funkeinrichtungen, wie Sendemasten, Handys oder WLAN-Router wiederum erzeugen elektromagnetische Felder. Sie können nur bei sehr großer Sendeleistung Gewebe erwärmen und in seltenen Fällen auch eine Störspannung im Implantat hervorrufen. Ob und wie sie ein Implantat beeinflussen, hängt entscheidend von ihrer Feldstärke und Frequenz ab. Anders als vielleicht vermutet, gilt hier die Faustregel: Je höher die Frequenz einer elektromagnetischen Feldquelle, desto schlechter durchdringt sie den menschlichen Körper und kann ein Implantat beeinflussen.

Die Rolle der Implantate

Im Arbeitsschutz unterscheidet man aktive und passive Implantate. Als passive Implantate gelten zum Beispiel alle Prothesen, Herzklappen oder Nägel, die Patienten im Körper tragen. Neurostimulatoren, Insulinpumpen oder ICD-Systeme sind dagegen mit einer Batterie versehen und werden daher als aktive Implantate bezeichnet. Ihre Elektronik kann durch eine Feldquelle direkt oder indirekt gestört werden – indirekt etwa, wenn Störspannungen körpereigene Signale überlagern und das Implantat diese Signale falsch interpretiert. Solche sogenannten Wahrnehmungsstörungen sind weitaus häufiger als die direkte Beeinflussung der Elektronik. Deshalb kommt es für Ingo Bömmels bei einer Beurteilung des Arbeitsplatzes auch darauf an, welches Implantat der Patient trägt und wie es eingestellt ist. Durch die Einstellung der Empfindlichkeitsschwellen lassen sich zum Beispiel solche Wahrnehmungsstörungen gegebenenfalls regulieren. Als weiterer Einflussfaktor spielt die Konfiguration der Elektrodensonden eines Herzschrittmachers (HSM) oder Defibrillators eine große Rolle in Bezug auf die Beeinflussbarkeit. So reagieren HSM und Defi mit unipolaren Elektrodensonden anders auf magnetische niederfrequente Felder als HSM und Defi mit bipolaren Elektrodensonden. Den entscheidenden Unterschied macht die sogenannte wirksame Schleifenfläche. Sie beschreibt vereinfacht gesagt diejenige Fläche, in der ein magnetisches Feld eine Störspannung induziert. Je kleiner diese wirksame Schleifenfläche ist, desto kleiner ist die erzeugte Störspannung durch das Feld. Diese Schleifenfläche ist bei einem HSM und Defi mit bipolarer Elektrodensonde deutlich kleiner, als bei unipolaren Elektrodensonden. Für Ingo Bömmels ist es deshalb bei jeder Arbeitsplatzuntersuchung unbedingt wichtig, die Art und die Einstellung des Implantats zu kennen. Auskunft darüber gibt ihm der Implantat-Ausweis und ein Röntgenbild. Patienten sollten daher Wert darauf legen, dass der Ausweis immer deutlich lesbar und vollständig ausgefüllt ist.

Arbeitsweise des Mitarbeitenden

Neben den drei genannten Faktoren spielt die Arbeitsweise eines Implantatträgers immer eine große Rolle. Hier ist die wichtige Fragestellung zu klären, wie nah ein Implantatträger an eine Feldquelle herankommt und ob die Feldquelle überhaupt aktiv ist. Grundsätzlich gilt: Je größer der Abstand eines Implantatträgers zu einer relevanten Feldquelle ist, desto kleiner ist die Feldstärke und das daraus resultierende Potenzial einer Beeinflussung. In vielen Fällen sind Abstände von 10 cm bis 50 cm ausreichend. Nicht selten beinhaltet schon die gewohnte Arbeitsweise diese Abstände. Die Beschäftigte sollte aber über die richtigen Abstände informiert sein, um ein Fehlverhalten zu vermeiden.

Die Pflichten von Arbeitgebern und Mitarbeitenden

Da elektromagnetische Felder Implantate beeinflussen können, sollten Beschäftigte mit HSM und Defi bei ihrer Wiedereingliederung in den Betrieb zu ihrem eigenen Wohlergehen aktiv mithelfen. Zunächst, indem sie ihren Arbeitgeber (z.B. Betriebsarzt, Sicherheitsfach, …) über ihre Situation informieren. Tun sie das nicht, laufen sie im Schadensfall Gefahr, ihren Versicherungsschutz zu verlieren. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) bezieht sich in ihrer DGUV-Vorschrift 15 dazu auf die Mitwirkungspflicht der Mitarbeiter, die auf §12(3) Unfallverhütungsvorschrift (UVV) fußt und die besagt: „Versicherte haben den Unternehmer über eine Versorgung mit Körperhilfsmitteln zu informieren, damit der Unternehmer notwendige Maßnahmen ergreifen kann.“ Dem gegenüber steht die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers – ebenfalls gemäß § 12(3) UVV: „ Für Personen mit aktiven oder passiven Körperhilfsmitteln sind besondere Maßnahmen erforderlich (...). Der Unternehmer hat alle Versicherten auf solche möglichen Gefährdungen hinzuweisen.“

Was können HSM und Defi-Patienten für einen adäquaten Arbeitsplatz tun?

Zunächst können Mitarbeitende mit ihren Sicherheitsfachkräften eine grobe Risikoabschätzung vor-nehmen. Hinweise hierzu findet Sie in der Informationsschrift DGUV Information 203-043 (PDF-Datei). In einem nächsten Schritt können die Sicherheitsfachkräfte dann die Unfallversicherungsträger (UVT) informieren. Diese kümmern sich dann um eine individuelle Beratung und entsenden zum Beispiel Dipl.-Ing. Ingo Bömmels und seine Kolleginnen in die Betriebe, um den Arbeitsplatz zu bewerten. Dabei untersuchen sie, ob es Feldquellen gibt, die für den Mitarbeitenden relevant sind, messen deren Feldstärke und ermitteln mithilfe des Implantat-Ausweises und einem Röntgenbild die individuelle Störschwelle des HSM oder Defi, um geeignete Maßnahmen für den Mitarbeitenden festzulegen. Erstaunlich selten kommen sie auch zu dem Schluss, dass ein Mitarbeitender den Arbeitsplatz wechseln sollte. Und auch wenn das zunächst hart klingt: Für sein Wohlergehen ist dies dann der bessere Weg.

Fazit: Individuelle Lösungen sind gefragt

Am Ende seines Vortrags, dem sich zahlreiche Fragen der Teilnehmerinnen anschlossen, lag das Fazit des informativen Abends für alle auf der Hand: Ein Arbeitsplatz, an dem es elektrische, magnetische und elektromagnetische Feldquellen gibt, ist nicht per se gefährlich. Vielmehr ist es wichtig, dass Patient und Arbeitgeber die Gefahren kennen und darauf reagieren können, indem sie für jeden HSM und Defi-Patienten eine individuelle und angemessene Lösung finden. Dies können gut sichtbare Warnhinweise mit Abstandsangaben sein, aber auch Verhaltensregeln zum Umgang mit kritischen Feldquellen. So reicht es häufig bereits, wenn HSM und Defi-Träger bei der Arbeit eine andere Körperhaltung einnehmen und damit den erforderlichen Sicherheitsabstand einhalten. Andere wiederum sollten einen größeren Abstand zu einer Maschine einhalten oder ein Gerät anders am Körper halten. Nicht ausgeschlossen sind auch Aufenthaltsverbote für HSM und Defi-Träger in bestimmten Bereichen eines Betriebs. Entscheidend, so Ingo Bömmels, ist, dass für alle Beteiligten nach einer Beurteilung Klarheit herrscht und keine Angst. Gleiches gilt übrigens für elektrisch-betriebene Haushaltsgeräte, Handys oder Handwerkzeuge, wie Bohrmaschinen: hier reicht ein Abstand von etwa 20 bis 30 cm zum Implantat in der Regel aus, um elektromagnetischen Felder zu entgehen.

 

Weiterführende Links:

Forschungsbericht elektromagnetische Felder am Arbeitsplatz

DGUV Information 203-043: Beeinflussung von Implantaten durch elektromagnetische Felder – Eine Handlungshilfe für die betriebliche Praxis

DGUV Vorschrift 15: Elektromagnetische Felder (bisher: BGV B11);

 

Text: Birgit Schlepütz
Foto: Georg Duchna