Komplexes einfach erklärt: Dr. Dirk Amelingmeyer begeisterte die Zuhörer_innen mit einem Vortrag, der nicht nur informativ war, sondern mit dem er ihnen das komplexe Themenfeld „Elektrodenwechsel“ einfach und anschaulich nahe brachte. Marianne Jürgens dankte ihm im Namen aller mit einem kleinen Präsent. Foto: © Georg DuchnaKomplexes einfach erklärt: Dr. Dirk Amelingmeyer begeisterte die Zuhörer_innen mit einem Vortrag, der nicht nur informativ war, sondern mit dem er ihnen das komplexe Themenfeld „Elektrodenwechsel“ einfach und anschaulich nahe brachte. Marianne Jürgens dankte ihm im Namen aller mit einem kleinen Präsent. Foto: © Georg DuchnaAls Dr. med. Dirk Amelingmeyer im Mai-Gesprächskreis sagte, er sei bekannt für seine langen Vorträge, blickte er in 29 zufriedene Gesichter. Aufmerksam und immer wieder Fragen stellend erlebten die Zuhörer_innen einen Abend mit detailreichen Informationen rund um das Thema „Elektroden“. Dr. Amelingmeyer, Oberarzt der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie in den Niels-Stensen-Kliniken | Marienhospital Osnabrück, erläuterte Situationen, in denen Defis oder Elektroden gewechselt werden sollten – oder auch müssen. Bei jedem Beispiel nahm er sich Zeit, die Hintergründe ausführlich zu beleuchten. Der Kardiologe zeigte sich insgesamt sehr beeindruckt von seinem gut informierten Publikum. „Unser Ziel“, sagte dazu die Vorsitzende der Defi-Liga, Angelika Däne, „ist der aufgeklärte Patient.“ Der höchst interessante Vortrag von Dr. Amelingmeyer hat dazu auf jeden Fall beigetragen.

Die einzelnen Kapitel seines Vortrags leitete Dr. Amelingmeyer stets mit dem Begriff „Change“ ein – denn immer wieder kommen Patienten in Situationen, in denen Teile ihres Defis ausgewechselt werden und in denen sich ihre Patientensituation verändert.

Change 1: Wechsel des Defibrillators
Planmäßig werden Defis gewechselt, wenn bei eingetretener Batterieerschöpfung ihr empfohlener Austauschzeitpunkt erreicht ist (RRT = Recommended Replacement Time bzw. ERI = Elective Replacement Indicator). Um den Batteriestand einzuschätzen existieren definierte Grenzwerte, die als Zeichen einer schwächer werdenden Batterie gedeutet werden (z.B. die Magnetfrequenz). Um Fehlfunktionen zu vermeiden wird dann ein Austausch des Aggregats durchgeführt.

Zu einem unplanmäßigen Wechsel des Defis kann es zum Beispiel bei Warnmeldungen und Rückrufaktionen von Herstellerfirmen kommen. Neben der allgemeinen Öffentlichkeit werden in diesen Fällen dann auch die Krankenhäuser informiert. Für den Umgang mit solchen Rückholaktionen orientieren sich die Ärzte dann dort ggfls. an den Stellungnahmen der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK): sie schreiben betroffene Patienten an, klären sie auf und beraten sich mit ihnen über das weitere Vorgehen – denn nicht immer muss ein Defi zwingend gewechselt werden. Es kommt auf die konkrete Situation des Patienten an. Patienten sollten in solchen Fällen keine Scheu haben, sich genau zu informieren und ihre Ängste und Bedürfnisse im Arzt-Patienten-Gespräch unbedingt frei zu äußern.

Change 2: Elektrodenwechsel
Elektroden funktionieren in der Regel viele Jahre und werden nicht planmäßig gewechselt. Selbst wenn sie defekt sind, werden sie normalerweise nur entfernt, wenn sie schwerwiegende Probleme hervorrufen – zum Beispiel bei Entzündungen, die die Elektroden mit einbeziehen, wenn die Elektroden lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen auslösen oder bei Problemen, die von Auflagerungen auf Elektroden herrühren und etwa zu Lungenembolien führen können. Defekte Elektroden verbleiben oftmals auch deshalb im Körper, weil sie mit den Gefäßwänden verwachsen können und dann operativ schwer zu entfernen sind. Sie werden durch neue Elektroden ersetzt.

Ursachen für defekte Elektroden gibt es eine ganze Reihe: zum Beispiel können sie sich „aufwickeln“ und das Twiddler-Syndrom ausbilden. Es kann entstehen, wenn Patienten – bewusst oder unbewusst – immer wieder an der Implantationsstelle ihres ICD herumdrücken. Das Subclavia-Crush-Syndrom bezeichnet den Bruch einer Elektrode zwischen dem Schlüsselbein (clavicula) und der ersten Rippe – zum Beispiel durch spezielle Armbewegungen beim Tennis oder Golfspiel. Von Zeit zu Zeit müssen Hersteller auch Elektroden zurückrufen, weil sie Abriebphänomene, Isolationsdefekte oder Brüche an den Sondenspitzen oder den Fixierungshülsen aufweisen. Und schließlich kann auch eine Dysfunktion zu einem Elektrodenwechsel führen – zum Beispiel, wenn der Pace-/Sense-Leiter defekt ist und deshalb die Gefahr inadäquater Schocks besteht.  

Change 3: Defiwechsel + Elektrodenwechsel
Da sich die Grunderkrankung des Patienten im Laufe der Jahre nach der Erstimplantation verschlechtern und sich seine Befunde verändern können, schlagen die Kardiologen bei geeigneten Patienten oftmals eine „Aufrüstung“ des bestehenden Systems vor. Leiden Patienten zum Beispiel an einer fortgeschrittenen Herzschwäche und zeigt das Ruhe-EKG einen Linksschenkelblock (LSB), kann sie in bestimmten Fällen ein Defi mit integrierter kardialer Resynchronisationstherapie unterstützen (Cardiac Resynchronization Therapy, CRT). Ziel der CRT-Therapie ist, das Zusammenziehen des linken Herzmuskels so zu stimulieren, dass das Zusammenspiel der beiden Herzkammern wieder koordiniert abläuft und die Herzleistung des Patienten steigt. Dazu ist ein Defi neuerer Generation nötig, für den zusätzlich eine Elektrode in die Herzvene über der linken Hauptkammer eingebracht wird mit dem Ziel eines maximal hohen Stimulationsanteils. Die Verwendung einer quadripolaren Elektrode ermöglicht dem Kardiologen auch im Verlauf der Therapie eine optimierte Einstellung der Stimulationswerte.

Change 4: Der ICD als tragbare Weste (WCD)
Der „tragbare Defi“ (WCD) wird wie eine Weste äußerlich am Körper getragen und benötigt keine Elektroden, die in den Körper eingebracht werden. Bei Erstdiagnose einer Herzschwäche wird neben der Klärung der Ursachen in der Regel eine medikamentöse Unterstützungstherapie eingeleitet. Oftmals verbessern sich die Befunde des Patienten im Verlauf so noch in einem relevanten Ausmaß. Planmäßig  kann bei diesen Patienten der WCD  in der Wartezeit vor einer endgültigen Defi-Implantation eingesetzt werden. Bei anderen Patienten aber als Überbrückungslösung – zum Beispiel, wenn aufgrund einer Infektion ein zuvor bestehendes Aggregat explantiert werden musste. Auch bei Patienten, die auf eine Herztransplantation warten, nutzt man den WCD.

Change 5: Der subkutane Defibrillator
Beim Subkutanen Defi (S-ICD) werden keine Elektroden in das Gefäßsystem des Patienten eingebracht. Die Elektrode liegt vorm Brustbein unter der Haut. Der S-ICD ist eine therapeutische Alternative zum Defi mit transvenöser Elektrode, die insbesondere bei jüngeren Patienten eingesetzt werden kann, um die oben genannten Nachteile einer Elektrodenlage im Gefäßsystem im Laufe der Lebenszeit zu vermeiden. Auch für Patienten mit angeborenen Herzfehlern ist der S-ICD als erste therapeutische Hilfe oft besser geeignet als ein ICD. Sind die Therapieoptionen für einen Standard-ICD begrenzt, weil zum Beispiel das Gefäßsystem keine weitere Implantation von Elektroden zulässt, kann der S-ICD auch hier eine Alternative sein. Ebenso, wenn Gefäße schlecht zugänglich sind oder Patienten ein erhöhtes Infektionsrisiko haben – zum Beispiel aufgrund von Diabetes. Allerdings hat der S-ICD auch seine Grenzen. Er kann das Herz weder stimulieren noch überstimulieren (AntiTachykardes Pacing = ATP) und kann deshalb bislang auch nicht mit einer CRT-Funktion (Resynchronisation) ausgestattet werden. In der nahen Zukunft sehen Kardiologen wie Dr. Amelingmeyer den S-ICD im kombinierten Einsatz mit elektrodenfreien Schrittmachern, die unmittelbar in die Herzkammer eingelassen werden und über digitale Schnittstellen zum Wohlergehen des Patienten miteinander kommunizieren.


Text: Birgit Schlepütz
Foto: Georg Duchna
Quelle: Vortrag Dr. Amelingmeyer